Liberty News - Wer geht wann in Rente?

Die meisten Leute beziehen die AHV-Rente mit Erreichen des ordentlichen Pensionsalters. Die Erwerbstätigkeit wird in der Regel aufgegeben. Wer zuvor in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen lebte, dem geht es danach oftmals besser.

Das Schweizer Drei-Säulen-System der Altersvorsorge bietet verschiedene Möglichkeiten, um zwischen 58 und 70 Jahren die gesetzlichen und reglementarischen Altersleistungen zu beziehen. Mit Blick auf die zukünftigen demografischen Herausforderungen ist es für die laufenden und geplanten Reformen der Alterssicherung von besonderem Interesse, ob und wie dieser Spielraum von der Bevölkerung genutzt wird. Welche Rolle spielen die wirtschaftliche Situation, die Erwerbskarriere oder die gemeinsame Entscheidung im Paarhaushalt? Welche Konsequenzen auf die Einkommens- und Vermögenssituation, aber auch auf die weitere Beteiligung im Erwerbsleben ergeben sich aus dem individuell gewählten Rentenübergang? Diesen Fragen ist das Institut für Wirtschaftsstudien Basel im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) in einer Studie (siehe PDF) nachgegangen.

Ordentliches Rentenalter in der 1. Säule ist für den Rentenbezug die Norm

Die Ergebnisse zeigen zunächst die enorme Default-Wirkung des gesetzlichen Rahmens auf den Rentenbezug der 1. Säule: Rund neun von zehn Personen beziehungsweise 88% der beobachteten Personen beziehen mit Erreichen des ordentlichen Rentenalters die AHV-Rente. Mit dem Rentenbezug wird in der Regel auch die Erwerbstätigkeit aufgegeben. Nur eine von vier Personen arbeitet noch weiter. Die Erwerbswahrscheinlichkeit von Frauen liegt tiefer als jene von Männern, was laut den Autoren jedoch auf die Rolle der Frau im Paarkontext und nicht auf das Geschlecht per se zurückzuführen ist.

Unter den Personen mit AHV-Vorbezug befinden sich vor allem Personen in finanziell prekären Verhältnissen; Sozialhilfebeziehende werden von den Ämtern dazu angehalten, die AHV zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu beziehen.

Gruppe mit späterem AHV-Bezugsbeginn ist weniger homogen

Demgegenüber ist die Gruppe mit spätem AHV-Bezugsbeginn weniger homogen: Einerseits finden sich darin häufiger Personen mit umfangreichen finanziellen Mitteln, welche wahrscheinlich vielfach nicht auf die AHV-Rente angewiesen sind. Andererseits sind Personen mit sehr geringen finanziellen Mitteln wie auch mit substanziellen Versicherungs- oder Beitragslücken (mehr als zehn Jahre) übervertreten. Diese Kombination erweckt den Eindruck, dass diese Personen die Aufbesserung der AHV-Rente durch einen Aufschub anstreben. Ein Zuschlag auf der AHV-Rente wird aber nur dann ausbezahlt, wenn der Aufschub explizit angemeldet wurde. Sieben von zehn Personen mit umfangreichen finanziellen Mitteln machen dies tatsächlich, während nur knapp eine von sechs Personen mit sehr geringen finanziellen Mitteln diese Möglichkeit zur Verbesserung der Rente wahrnimmt; den anderen wird die AHV-Rente später nachbezahlt, aber ohne Zuschlag. Möglicherweise ist der unterschiedliche Wissensstand über die Funktionsweise der 1. Säule entscheidend. Entsprechend ist eine aktivere Kommunikation über die Möglichkeiten und Anforderung dieses flexiblen Systems angezeigt.

In der 2. Säule bezieht eine Mehrheit schon früher eine Rente

In der beruflichen Vorsorge weicht eine knappe Mehrheit vom ordentlichen Bezugsbeginn ab und geht früher in Rente (52%). Dabei handelt es sich primär um Personen, die es sich leisten können. Später in Rente (12%) geht öfters, wer einen hohen Anteil an selbstständiger Erwerbstätigkeit während des Erwerbslebens aufweist, über sehr geringe finanzielle Mittel verfügt oder mit einer jüngeren Partnerin oder einem jüngeren Partner zusammenlebt. Frauen haben zudem eine höhere Wahrscheinlichkeit, spät Rente zu beziehen.

Einfluss des Bezugs von Vorsorgekapital bleibt unklar

Umfangreiches Reinvermögen (über 1 Million Franken) reduziert die Wahrscheinlichkeit eines BV-Vorbezugs, was gemäss den Autoren damit zusammenhängen könnte, dass Kapitalbezüge das Reinvermögen erhöht haben, im Gegenzug aber die erwartbare BV-Rente verkleinern, und somit einem frühen BV-Rentenbezug entgegenwirken.

Einzelpersonen beziehen ihre Renten aus 1. und 2. Säule seltener früh

Der Einfluss des Haushalt- bzw. Paarkontexts auf den Rentenbezugsbeginn ist bedeutsam. Einzelhaushalte gehen seltener früh und häufiger spät in Rente als Personen in einer Paarbeziehung. Dies gilt für die 1. wie auch die 2. Säule. In den Paarhaushalten fällt die Neigung, früh eine BV-Rente zu beziehen, geringer aus, wenn die Partnerin oder der Partner jünger ist.

Selbständigkeit und hohes Bildungsniveau fördern Erwerbstätigkeit

Die Wahrscheinlichkeit, nach dem ordentlichen Rentenalter noch erwerbstätig zu sein, wird massgeblich durch die individuelle Erwerbsbiografie beeinflusst. Zum einen sind Personen mit vollständiger Erwerbsbiografie (ohne substanzielle Erwerbsunterbrüche beispielsweise aufgrund von Betreuungs- und Erziehungsarbeit, gesundheitlichen Aspekten oder Arbeitslosigkeit) und zum anderen Selbstständigerwerbende eher weiterhin erwerbstätig. Ferner hat ein hohes Bildungsniveau einen positiven Einfluss auf die Erwerbstätigkeit im ordentlichen Rentenalter. Ebenso verbleiben Personen in einer besseren wirtschaftlichen Situation eher im Erwerbsleben. Erstens, weil die zuvor genannten Faktoren in der Regel zu einer besseren wirtschaftlichen Situation führen und zweitens, weil bei diesen Personen mit tendenziell höheren Erwerbseinkommen die Beendigung der Erwerbstätigkeit höhere Opportunitätskosten mit sich bringt.

Freibetrag hat Einfluss auf die Erwerbstätigkeit

Die Erwerbstätigkeit im BV-Vorbezugsalter (58 bis 61 Jahre bei den Frauen, respektive 62 Jahre bei den Männern) und im AHV-Vorbezugsalter (62 bis 64 Jahre bei den Frauen und 63 bis 65 Jahre bei den Männern) ist deutlich höher (78 % bzw. 62 %) als nach dem ordentlichen Rentenalter (26 %). Auf dem Erwerbseinkommen nach dem ordentlichen Rentenalter müssen weiterhin Lohnbeiträge (AHV, IV, EO) bezahlt werden, sofern es den Freibetrag von 16'800 Franken im Jahr pro Anstellung bzw. Selbstständigkeit überschreitet. Auffallend ist für die Autoren daher, dass primär Personen mit umfangreichen finanziellen Mitteln häufig mehrfachbeschäftigt sind. Ob Anstellungen unterhalb des Freibetrags den Arbeitgebenden dazu dienen, die Beitragspflicht zu vermeiden, kann mit den vorliegenden Daten nicht beurteilt werden.

Die vollständigen Studienergebnisse finden sich hier.